Veganer gegen den Rest der Welt?

Veganer gegen den Rest der Welt?


Dass jeder – egal was er isst und zu welcher Gruppe einer Ernährungsform er sich zählt – sich nicht von anderen Menschen gezwungen fühlen will, sich dafür rechtfertigen zu müssen, ist eigentlich selbstverständlich. Trotzdem entwickeln nach meiner Erfahrung vor allem Veganer manchmal einen erschreckenden Eifer, jeden missionieren zu wollen, der noch Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Eier isst und da bleibt auch kein Vegetarier ungeschoren, denn sie sind die Zielobjekte, bei denen sich die Überzeugungsarbeit am ehesten lohnen könnte, weil Veganismus meist über den Vegetarismus führt, während bei den überzeugten Fleischessern vermutlich sowieso Hopfen und Malz verloren ist und auch Engelszungen vermutlich keine Wandlung zum Veganer bewirken könnten.

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Dass Vegetarier aber sogar zum Lieblingsfeind erhoben werden, konnte ich auch erst glauben, als ich über die Webseite http://vegetarier-sind-moerder.de/ stolperte und dieses Zitat las:

Nicht nur durch Leichenfressen, sondern auch durch den Konsum von „Milch“, „Eiern“ und „Honig“ wird Mord an Säugetieren, Vögeln bzw. Bienen in Auftrag gegeben.
»Was ist wohl einfacher: 300000 Jäger in Deutschland vom Jagen abzubringen, so dass fünf Millionen Tiere weniger pro Jahr erschossen werden, alle Tierversuche zu unterbinden, was eineinhalb Millionen Tieren Leid und Tod erspart, oder die Vegetarier, für die Millionen mehr Tiere […] getötet werden als für Jagd und Tierversuche zusammen, vom Veganismus zu überzeugen?«

Zitat aus »Vegetarier sind Mörder«

Natürlich ist Aufklärung wichtig, denn tatsächlich wissen wenige „Eieresser“, dass für ihren Genuss vielfach männliche Küken, die nun mal keine Eier legen und somit für eine Eierproduktion in einer Legehennenbatterie unbrauchbar sind, getötet werden.

Der Starkoch Jamie Oliver zeigte dies im Jahr 2008 in der britischen Fernsehsendung „Food Fight“, die sich mit der Herstellung von Lebensmitteln befasst, in einer makaberen Inszenierung, bei der er einer zunächst verblüfften und dann geschockten Gruppe von Gästen direkt auf dem Tisch vorführte, wie die männlichen Küken erstickt werden und tötete vor dem Zubereiten und Servieren eines Huhns das Tier selbst.

Auch wenn ich persönlich der Meinung bin, dass schon ein getötetes Küken eins zuviel ist und eine solche Zurschaustellung eines „Kükenmordes“ im Prinzip ablehne, weiß ich, dass er in so einem Schockmoment vielleicht mehr bewirkt, als das öffentliche Verschweigen solcher üblicher Praktiken in Kreisen der Eierproduzenten, denn es mag durchaus sein, dass der eine oder andere durch diese Sendung wachgerüttelt wurde und ihm mit den Bildern der sterbenden Küken im Kopf sein Frühstücksei nicht mehr schmeckt.

Wegzuschauen und sich möglichst nicht damit auseinander zu setzen, dass ein Schnitzel im Ursprung kein Lebensmittel war, sondern ein Tier, auch wenn es schwer fällt einen Zusammenhang zu einem Schwein oder einem Kalb herzustellen, wenn es in der Styroporschale unter Klarsichtfolie und als „Schnitzel“ etikettiert im Kühlregal der Fleischtheke des Supermarkts liegt, wird dem Verbraucher leicht gemacht … vielleicht zu leicht.

Aber ob der Vorwurf an einen Vegetarier, er sei ein Mörder ihn wirklich zum Veganismus bekehrt?

Nicht dass es mir für ihre Bemühung an Verständnis fehlen würde, möglichst sämtliche, sich omnivor ernährenden Menschen weg vom Genuss am Fleisch und hin zur Gaumenfreude am Seitan, Tofu und anderen Alternativen zu lenken, aber auch ich hatte viele Jahre lang das Gefühl, verantwortungsvoller den Tieren gegenüber zu sein, als es die meisten meiner Mitmenschen sind, nachdem ich vor ein paar Jahren begann, auf Fleisch und Fisch zu verzichten und auch mir war dabei nicht bewusst – oder ich konnte es erfolgreich verdrängen -, dass das Leder, aus dem mein Sattel gefertigt wurde, mit relativ großer Wahrscheinlichkeit nicht von einem Rind stammte, welches als hochbetagter Senior an Altersschwäche verstarb und die Tatsache, dass ich mich mit dem Kauf eines Ledersofas auch nicht im Wesentlichen von den Menschen unterschied, die Fleisch essen, weil es für den geschlachteten Bullen vermutlich keine Rolle mehr spielt, ob man ihn wegen seines Fleisches oder seiner Haut umbrachte, wies ich empört von mir.

Wer also würde mir das Recht geben, Menschen aufgrund ihres Denkens und Handelns, welches ich so lange mit ihnen teilte und auch keine Schuld dabei empfand, als Mörder zu verurteilen?

Natürlich beginnt jede Veränderung damit, dass Zweifel an der Richtigkeit des bislang eingeschlagenen Weges geweckt werden und auch ich strich Milchprodukte und Eier erst von meinem Speisezettel, als mir bewusst gemacht wurde, dass der Verzicht auf Fisch und Fleisch mein Gewissen nur bedingt erleichtert, weil ich ja trotzdem Tierleid unterstützte, wenn ich Eier kaufte und Milchprodukte konsumierte.

Aber der Wunsch nach einer Veränderung wuchs und reifte in mir, nachdem ich für mich selbst prüfte, ob der Veganismus mit meinem eigenen Denken konform geht und ich die Überzeugung, die hinter ihm steht mit meinen Ideen und Vorstellungen eines freudvollen Daseins vereinbaren kann, denn Essen sollte ja nun nicht ausschließlich der Ernährung als Sicherstellung von Energie in Form von Kalorien und der Aufnahme von Mineralstoffen, Spurenelementen und Vitaminen dienen, die unsere Körperfunktionen und unsere Gesundheit aufrechterhalten, sondern auch Genuss sein – auch für diejenigen, die kein Fleisch und keinen Fisch essen oder darüber hinaus sogar alle tierischen Produkte aus dem Repertoire der essbaren Nahrung entfernten, beziehungsweise noch einen Schritt weiter gehen und nicht mehr alle Gemüse-Pflanzen essen.

Genuss bedeutet Freude ohne Reue und solange man beim Essen kein schlechtes Gewissen hat, bleibt der Genuss auch gewahrt – zumindest war das bei mir so … bis es mir dann immer schwerer fiel die Taktik des erfolgreichen Verdrängens anzuwenden, mit der ich mich bemühte, mich möglichst nicht daran zu erinnern, dass das Stück Fleisch auf meinem Teller mal ein Lebewesen war, sondern es als Wiener Schnitzel deklarierte und nicht als ein „Teil eines toten Kalbes“.

Man kann sich eine Zeitlang beschummeln, aber irgendwann schwand die Freude am Fleisch essen und wich der Reue, mit der ich mir selbst gestehen musste, dass im Angesicht meines sich mir immer intensiver aufdrängenden Wissens, dass für meinen Genuss ein anderes Lebewesen Leid erfahren musste, kein Bissen davon mehr schmecken kann.

Nachdem ich es irgendwann sogar nicht mehr als Verzicht empfand, kein Fleisch oder keinen Fisch mehr zu essen und mich damit sogar besser fühlte, weil ich mein Essen ja wieder voller Freude und ohne Reue genießen konnte, musste ich mich prompt auch schon mit dem nächsten Konflikt auseinandersetzen, der mich mit der Thematik konfrontierte, dass Eier und Milchprodukte zu essen mir ein schlechtes Gewissen zu bescheren begann und mir abermals die Freude daran verdarb, Kuchen zu backen, für den Butter und Eier im Rezept standen … um meinen Seelenfrieden beim Essen wiederzufinden, begann ich zuerst meine Ernährung auf vegan umzustellen und dann meine ganze bisherige Denkweise in Frage zu stellen, wobei es nicht allzu lange dauerte, bis mir dabei auch klar wurde, dass wenn ich kein Leben mehr für meine Bedürfnisse seiner physischen Existenz berauben möchte, auch keine Wurzeln oder Knollen mehr auf meinem Speisezettel stehen dürfen … und ich befürchte, dass dabei noch kein Ende in Sicht ist.

Je mehr man es dem eigenen Bewusstsein nämlich erlaubt, ein wenig auf die Reise über die Verstandsgrenzen zu gehen, desto vehementer klopft es an, um einen darauf aufmerksam zu machen, dass man aus dem eigenen eingeschränkten Verstandsdenken heraus ein paar ganz nette eigene Ideen entwickelte, die zwar vorzüglich dazu geeignet waren, sich vieles „schönzuschummeln“, aber nichts weiter waren, als eine rosarote Brille, die es irgendwann eben doch mal an der Zeit ist, von der Nase zu nehmen, um endlich klar zu sehen.

Aber ich gebe zu, dass ich mich ab und zu nach der rosaroten Brille zurücksehne, die der Welt einen zarten Pastellton verlieh, denn ohne sie nimmt man vieles plötzlich deutlich wahr, was man vielleicht lieber weiterhin übersehen hätte, weil es einen oft an der vielgerühmten „Menschlichkeit“ der Menschen zweifeln lässt und es einem den Schlaf rauben kann, wenn das schlechte Gewissen einen mahnt, dass man selbst nicht besser ist.

Zum Beispiel merkte ich, dass es mir, je mehr ich mich mit dem Gedanken der Achtsamkeit und Wertschätzung all unseren Mitgeschöpfen gegenüber auseinander setzte, desto unmöglicher wurde, für mich die Grenze zu ziehen, die für den Veganer zwischen Leben in Form von Mensch und Tier und Leben in Form von Pflanzen besteht.

Mit solchen Gedanken macht man sich aber endgültig zum Außenseiter und das nicht nur bei den Fleischessern und Vegetariern, denn auf die größte Ablehnung stieß ich zu meinem größten Erstaunen tatsächlich bei den Veganern – also bei genau denjenigen, von denen ich das meiste Verständnis erhoffte, nachdem sie sich ja als Ernährungsexoten ständig dafür rechtfertigen müssen, dass sie keine tierischen Produkte konsumieren und somit wissen, wie frustrierend es ist, für einen Freak gehalten zu werden.

Offensichtlich ist aber für jeden – egal was er isst oder auf welche Art er lebt – nur die eigene Lebensweise richtig und alles was sich davon unterscheidet demzufolge falsch.

Nun will ich nicht pauschalisieren oder alle Veganer als auf ihre Sicht begrenzt abstempeln, denn es gibt sicher auch viele, die ich leider noch nicht kennen lernen durfte und die zu den zahlreichen Befürwortern des Lebens als Frutarier gehören und die meine These als Ausnahme bestätigen könnten, aber die meisten anderen rieten mir, mich auf meinen Geisteszustand untersuchen zu lassen und dringend psychologischen Rat in Anspruch zu nehmen.

Was mich annehmen lässt, dass man vermutlich als Frutarier, neben dem gewissenlosen Omnivoren, der Tierleichen isst und dem Vegetarier, der ja wegen seiner Inkonsequenz verpönt ist, zu einem weiteren Feindbild für sie wird, nämlich dem Extremisten, denn was die einen in den Augen eben jene von mir zur Ansicht über Frutarier befragten Veganer an Gewissen und Ethik vermissen lassen, weil sie entweder Fleisch und Fisch essen oder es lassen, dafür aber Milchprodukte und/ oder Eier konsumieren, das führt der Frutarier für sie auf einen krankhaften Weg maßloser Übertreibung.

Man kann es einigen von Ihnen halt wohl nur schwer recht machen – es sei denn, man bleibt einer von Ihnen, verhält sich exakt so, wie sie es für richtig halten und verändert auch nichts daran, was aber dann auch nicht bedeutet, dass man nun nirgendwo mehr aneckt, denn irgendwer ist immer anderer Meinung, als man selbst und erwartet, dass man diese somit falsche Meinung auch entsprechend ändert.

Dabei ernte ich in der Regel sogar noch überwiegend die Zustimmung der meisten Leute – unabhängig von deren Ernährungsform -, wenn ich Leben definiere mit der Fähigkeit sich selbstständig zu vermehren und durch die Aufnahme von Nährstoffen eine Form des Stoffwechsels zu aktivieren, eine Zellstruktur und ein Zellwachstum zu haben, sowie die Versorgung und Information des gesamten Körpers über ein Netzwerk zu gewährleisten, das man mit Blut- und Nervenbahnen vergleichen könnte.

Sobald ich aber vorsichtig erwähne, dass dann aber in der Konsequenz der Akzeptanz dieser Definition der Begriff „Lebewesen“ auch den Pflanzen zustände, weil sie sich durch die Freigabe von Samen fortpflanzen, über ihre Blätter Photosynthese betreiben, aus Zellen bestehen, über Blattadern den Pflanzensaft transportieren und auf Umweltreize Reaktion zeigen, wie Einrollen der Blätter bei Frost, Schließen der Blüten bei Regen, Entlaubung im Herbst, Blattwachstum im Frühling oder sogar Schutz vor Fressfeinden durch die Absonderung bitterer oder sogar toxischer Pflanzensäfte bei Verletzung, stoße ich in der Regel auf großes Unverständnis für meine Schlussfolgerung aus meinen Gedanken, dass man Leben eigentlich nicht in „darf man essen“ und „darf man nicht essen“ unterteilen kann.

Dass mich die ablehnende Haltung meinen, mich immer weiter in die Achtsamkeit führenden Überlegungen, nach denen ich mich bemühen muss ausnahmslos allen Mitgeschöpfen mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen gegenüber nicht wundern muss, wenn ich sie Menschen unterbreite, die sich omnivor ernähren und in ihrem klaren Wertesystem bereits zwischen Tieren die dafür auf der Welt sind, damit sie uns als Nahrung dienen und Tieren, die man nicht isst, sondern lieb hat unterscheiden, ist mir bewusst … und ich erwarte auch von der Seite der Vegetarier keine begeisterte Zustimmung, denn auch sie empfinden es als Unterschied, ob ein Tier zu dem Zweck getötet wird, sein Fleisch zu essen – denn das lehnen sie ab – oder ob es getötet wird, um seine Haut als Lederjacke, Schuhe oder Handtasche verwenden zu können – das lehnen sie in der Regel nicht ab. Sie bewerten auch nur die direkte Schlachtung der sogenannte Nutztiere als verwerflich, während das Leid der Hühner, die in Legebatterien zur Akkordeierproduktion gezwungen werden oder die „Produktion“ von Kälbern, damit Kühe überhaupt Milch geben und man sie ihnen wegnehmen kann, bevor ihr Kalb sie dem Menschen wegtrinkt und die Qual der Bienen, die im Bemühen ihre Waben zu füllen, die der Imker aber schneller leert, als sie ihren Vorrat als ausreichend betrachten dürften, ja nicht direkt „Todesopfer“ fordert und somit akzeptabel für sie ist.

Aber nachdem ich auch im Kreis der Veganer meist nur Kopfschütteln ernte, wenn ich anrege darüber nachzudenken, ob nicht auch Pflanzen zu unseren Mitgeschöpfen zählen sollten, fragte ich mich, wie es möglich sein kann, dass man so weit auf seinem Lebensweg gewandert und gereift ist und dann einfach anhält und jede weitere Entwicklung damit ablehnt.

Ihr Gegenargument das ich nahezu unisono von ihnen erhielt war jedoch, dass man dann ja wohl gar nichts mehr essen dürfte.

Vielleicht hatte ich da also in einen sowieso schon wunden Punkt gepiekt, denn unter dem Aspekt, dass wenn man nun neben der Vermeidung aller tierischen Produkte auch noch überhaupt nichts mehr zu sich nehmen würde, was pflanzlichen Ursprungs ist und man somit nichts mehr mit gutem Gewissen essen könnte, wäre die vehemente Ablehnung verständlich, weil das Argument ja nun wirklich nicht ganz von der Hand zu weisen wäre und die Lebensqualität, was den Genuss am, Essen angeht drastisch einschränkt würde.

Das dem nun aber nicht ganz so ist, beweisen die zwar wenigen, aber in der Regel doch recht munter und gesund wirkenden Frutarier, von denen ich nun aber leider auch nur mich persönlich kenne und als Beispiel anführen kann, denn weitere Vertreter dieser Lebensphilosophie konnte ich mir nur in einem Fernsehbericht ansehen. In diesem machten die vorgestellten Frutarier aber auf mich auch nicht den Eindruck, unzufriedener mit sich und ihrem Leben zu sein, als es ein Veganer aufgrund seiner für sich selbst gewählte Ernährungs- und Lebensform ist, da er es ja in der Regel auch weder als Verzicht, noch als selbstkasteiende Einschränkung empfindet, keine tierischen Produkte zu konsumieren, sondern sogar als Bereicherung, seine Kreativität im Bezug auf das Kochen und Backen täglich neu beflügeln zu können und dabei beweisen zu dürfen, dass veganes Essen auch ohne Milchprodukte, Eier, Fisch und Fleisch lecker schmeckt.

Um aber auf das Nahrungsangebot zurückzukommen, das dem Frutarier zur Verfügung steht, muss man vielleicht zum besseren Verständnis auch wissen, dass es gar nicht darum geht, auf alle pflanzlichen Produkte zu verzichten, beziehungsweise kein Gemüse oder Obst, keinen Salat und keine Kräuter mehr als Nahrung zu verwenden, sondern nur darum, die Pflanze nicht zu töten und deshalb auch nur soviel von ihr zu nehmen, dass sie trotzdem weiterleben kann, denn solange die Wurzel unbeschädigt bleibt, kann die Pflanze weiterwachsen und die Blätter neu bilden, die man von ihr erntete. Ebenso schadet man dem Obstbaum nicht, wenn man seine Früchte pflücke, dem Nussbaum nicht, wenn man seine Nüsse isst, dem Strauch nicht, wenn man seine Beeren abzupft und der Staude nicht, wenn man sich seine Tomaten oder Bohnen nimmt.

Aber wenn man Wurzelgemüse isst oder die Knollen, aus der sich die Kartoffel vermehrt, wenn man mit Meerrettich oder Ingwer würzt oder Zwiebeln zu Würfeln oder Ringen zerschneidet, existiert diese Pflanze nicht mehr weiter.

All diesen Gedanken und meiner Überzeugung zum Trotz bedeutete es aber doch noch eine längere Zeit mehr Verzicht als Bereicherung … nicht unbedingt, dass ich Knoblauch oder Zwiebeln wegließ, denn das stellte für mich noch nie ein Problem dar, weil ich beides nicht mag. Schwieriger war es schon, Meerrettich und Ingwer aus meinem Speiseplan zu streichen, weil ich ihre entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung immer wieder zu schätzen lernte und vor allem der Meerrettich mir bei Erkältungen zu schneller Genesung verhalf. Ähnlich schwierig fand ich es zuerst auch, ein Substitut für Fenchel zu finden, den ich vor allem bei Magenschmerzen in Form von Tee mit guter Heilwirkung trank.

Mit etwas gutem Willen setzte ich aber nach und nach Anis und Kümmel ein und die Pferde freuen sich inzwischen genauso über ein paar Äpfel wie sie sich vorher über die Möhren als Saftfutter freuten – nur ich musste mich etwas länger daran gewöhnen, die breite Palette der Auswahl an Gemüse um die Sorten zu schmälern, deren Wurzeln entweder wie bei den Karotten und beim Kohlrabi direkt zubereitet und gegessen werden, oder wie beim Lauch, der – wenn man auch vor allem seine Blätter isst, trotzdem samt seiner Wurzel geerntet wird.

Ganz so leicht fiel mir dieser Schritt sicher nicht, aber je länger ich mir bewusst machte, dass Kartoffeln in ihren zahlreichen Zubereitungsvarianten nun mal Knollen sind, aus denen heraus eine Pflanze wächst, die sich auch aus ihnen vermehrt und dass alle Kartoffeln zu ernten und zu essen bedeuten würde, dass die Kartoffeln damit aussterben müsste, warum sie eben auch zurecht zu den Tabus eines Frutariers gehört, desto einfacher wurden die nächsten zaghaften Schritte in diese Richtung.

Dabei half mir vor allem mein schlechtes Gewissen, wenn ich Kartoffeln schälte und ihnen die gekeimten Stellen herausschnitt, weil ich ja genau daran erkannte, dass sie leben und Wurzeln zu treiben versuchen, um weiterwachsen zu dürfen.

Ich weiß nicht, ob ihnen mein Schälmesser Schmerzen zufügte und ob sie quasi starben, wenn ich sie in Viertel teilte oder vielleicht ihr Lebenslichtlein doch erst erlosch, wenn das Wasser im Topf sie „totgekocht“ hatte, wie bei einem Hummer.

Mir darüber Gedanken zu machen verdarb mir aber definitiv immer mehr den Appetit auf sie.

Nun gebe ich zwar verschämt zu, dass ich zunächst noch auf Kartoffelbrei in Tüten auswich und Pommes Frites nur noch als bereits in Stifte geschnittene Tiefkühlware kaufte, beziehungsweise Reibekuchen und Kartoffelklöße aus Fertigteig zubereitete, um nicht mit den „noch lebenden“ Exemplaren der Kartoffelknollen konfrontiert wurde und sie somit auch nicht eigenhändig umzubringen gezwungen war, aber ich wusste leider auch, dass ich mich dabei genauso selbst täuschte, wie es den Fleischessern vorgeworfen wird, wenn sie ihr Schnitzel in Styroporschalen abgewogen und appetitlich rosa glänzend unter Cellophan verpackt kaufen, weil das dann keinen Bezug mehr zu seinem tierischen Ursprung zulässt und man das Schwein nicht mehr damit in Verbindung bringt.

Allerdings galten diese Gedanken immer nur ausschließlich meinem eigenen inneren Zwiespalt und dem Ringen mit mir selbst und nichts lag mir – weder damals, noch heute – ferner, als nun zu erwarten, dass sich auch andere Menschen mit diesem Zwist beschäftigen, um ihre Essgewohnheiten ebenfalls in die Richtung Frutarier zu werden verändern.

Im Gegenteil – es ist mir sehr wichtig, dass ich niemanden bewerte oder verurteile, weil er anders lebt und sich anders ernährt wie ich – allerdings erwarte ich auch, dass man auch mir das Recht zugesteht, anders zu leben, als es die Mehrheit der Menschen für richtig hält … nicht nur als Frutarier, sondern auch als Mitgeschöpf, das nicht mehr und nicht weniger Respekt von seinen Mitgeschöpfen verlangt, als den, welchen ich ihnen allen als meine Mitgeschöpfe entgegenbringe, wenn ich ihren freien Willen achte.

Genau der ist zu meinem Prinzip geworden und er sollte gewahrt werden und gewahrt bleiben und darf nicht bei der eigenen Art aufhören.

Gewiss ist es wichtig, das Wohlergehen der Tiere, die sich nicht wehren können zu behüten. Selbstverständlich ist weder ihr Tod durch Schlachtung, noch ihr von Menschen verursachten Leid und auch ihre Dienstbarkeit, zu der wir sie für unsere Zwecke zwingen niemals zu rechtfertigen, aber es geht nicht nur um das Wohl der Tiere, sondern darum, dass niemandes Wohl über das eines anderen gestellt werden dürfte, sodass ihm Schaden an Leib, Leben, Geist oder Seele entsteht … auch nicht über das von Kindersklaven oder allen anderen, die gezwungen werden, ihren Willen dem eines anderen zu beugen.

Dabei möchte ich an dieser Stelle noch nicht einmal für die Rechte der Pflanzen eintreten müssen, denn ihr Leiden nehmen die meisten Menschen noch nicht einmal als solches wahr, weil man ihnen jedwedes Gefühl abspricht und diejenigen, die dazu eine andere Meinung vertreten, werden entweder nicht ernst genommen und als Spinner milde belächelt oder massiv angefeindet.

… aber exakt an diesem Punkt hört die Wertschätzung eben bereits auf, an dem jedwede Meinung, die von der eigenen abweicht, als falsch erklärt wird.

Ich führe die „Kampf-Veganer“ als Beispiel dafür an, die ihre eigene Lebensphilosophie unter allen anderen Menschen zu verbreiten bemüht sind und sich in der Regel auf ihrer ganz privaten Mission zu befinden glauben, wenn sie mit aller Macht versuchen, alle zu ihrem eigenen Weg zu bekehren, den sie als allein richtig empfinden, denn gerade sie sind es leider, die für die Rechte der Tiere stark machen, für Wertschätzung unseren Mitgeschöpfen gegenüber plädieren und dabei vermutlich auch nicht ganz unabsichtlich übersehen, dass sie dabei auch nur die Mitgeschöpfe meinen, die von den „bösen“ Menschen getötet und gegessen werden.

Achtsamkeit vor allen Mitgeschöpfen beginnt aber nicht erst dann, wenn die Wertschätzung ihnen gegenüber es verbietet, sie zu essen, sondern beim Erkennen, dass jedes Mitgeschöpf Achtsamkeit im Umgang mit ihm und die Wertschätzung seines Lebens erwarten dürfen sollte.

Das bedeutet, dass eigentlich niemandem das Recht gegeben ist, jemand anderen zum Umdenken zu bewegen, denn es gehört zur Achtsamkeit jedem Mitgeschöpf gegenüber auch, dessen freien Willen zu respektieren und niemanden von meiner Sicht der Dinge überzeugen zu wollen, nur weil ich sie für einzig richtig und wahr halte.

Nach dieser Erkenntnis zu leben, andere danach leben zu lassen und selbst danach leben zu dürfen würde aber nur funktionieren können, wenn wir uns im göttlichen Ursprungssystem der Gleichheit befänden, denn dann würde jeder auch die gleiche Wahrheit als richtig annehmen können, weil es keine andere Wahrheit gäbe.

So aber ist die Wahrheit vom eigenen Gesichtspunkt abhängig, den man zu glauben bereit ist und kann darum auch immer nur das Stück der Realität sein, das wir mit unserer von uns selbst begrenzten Sicht wahrzunehmen imstande sind.

Sie ist also vergleichbar mit einem Fenster, durch dessen trübe Scheibe wir nicht klarer sehen, wenn wir den Vorhang der Vernunft davorhängen, welcher die Sicht noch mehr verschleiert und sein Glas in einen engen Rahmen von aus Angst geschnittenem Holz klemmen, damit durch das kleine verbleibende Guckloch nicht zuviel sichtbar wird, vor dem wir uns fürchten müssten, weil wir es nicht begreifen könnten mit unserem eingeschränkten Verstand, der nur akzeptiert, was sich ihm aus dem erlernten und erfahrenen Wissen heraus erklärt.

Darum ist die Wahrheit, die wir als für uns wahr akzeptieren immer nur eine Sichtweise unseres eigenen Bewusstseins, welches uns unser Denken zu haben erlaubt und ist damit nicht bei allen gleich, sondern unterscheidet sich zwangsläufig von der Wahrheit anderer Mitgeschöpfe.

Welche Wahrheit aber wirklich wahr und somit richtig ist, kann niemand wissen, der nicht das große Ganze kennt … so weiß es also nur der Schöpfer selbst und er würde seine Wahrheit auch gerne mit uns teilen, wenn wir bereit wären, sie anzunehmen und somit die gleiche Wahrheit glauben könnten.

Wir leben jedoch nicht im System Gottes, sondern im System der Polarität, in dem es keine Gleichheit gibt, sondern nur den steten Widerstreit der sich gegenüberliegenden Gegensätze, die zwar die gleiche Spirale teilen, an deren jeweiligen Enden sie sich manifestierten, aber sich nicht zu einer Einheit mit ihr verbinden lassen, weil sie sich gegenseitig abstoßen.

Man könnte also behaupten, dass die Evolution in dem Moment begann, in welchem dem aus der Einheit der Gleichheit, eine gegensätzliche Zweiheit von Tag und Nacht wurde, denn fortan spaltete das System die Geschöpfe in diejenigen, die ihre Existenz durch Dominanz sichern konnten, weil sie anderen Geschöpfen überlegen waren (the survival of the fittest) und diejenigen, die unterlegen waren und sich entweder in die Opferrolle der Submission ergaben oder sich anstrengten, durch Entwicklung überlebenssichernden Fähigkeiten nicht wegselektiert zu werden und somit zur Dominanz wechseln durften.

Dass in diesem System Achtsamkeit und respektvoller Umgang mit seinen Mitgeschöpfen die falschen Intentionen sind, um ein friedliches Leben führen zu können, ist leicht nachzuvollziehen, weil das Recht auf Wohlergehen abhängig ist von der Größe der Macht, aus der sich die Möglichkeiten ergeben, es sich auch sichern zu können

Man könnte das System mit einem Haifischbecken vergleichen, in dem man nur als Haifisch bestehen kann, weil man als Thunfisch relativ schnell angegriffen oder aufgefressen wird, wenn man sich nicht schnellstmöglich scharfe Zähne wachsen lässt, mit denen man sich zu verteidigen imstande ist oder die es einem erlauben, selbst zum Angreifer zu werden, wenn es einem darüber hinaus vielleicht sogar noch gelingt, größer und kräftiger zu werden, als die anderen Bewohner des Haifischbeckens.

Unser Denken und Handeln ist also automatisch bestimmt von unserem evolutionären Trieb, der Stärkere oder Mächtigere sein zu müssen, um unser Wohlergehen sichern zu können.

Jede Konfrontation mit anderen Mitgeschöpfen muss also gewonnen werden und wer dem Streit aus dem Weg gehen möchte, weil er seine Mitgeschöpfe achten möchte und sich bemüht ihre Meinung zu respektieren, auch wenn sie nicht der eigenen Wahrheit entspricht, der gilt damit als Verlierer.

Als solcher hat er natürlich auch das Recht auf die Richtigkeit seiner Wahrheit an die er glaubt verwirkt und wer nicht akzeptieren kann, dominiert zu werden und unterlegen zu sein, muss für seine Meinung und die Richtigkeit seiner Intention eben bereit sein zu streiten und dafür auch in den Kampf gegen alle diejenigen zu ziehen, die anderer Meinung sind und ihre Wahrheit für richtig halten, denn die Kraft der Überzeugung liegt schlussendlich im Sieg über die Vertreter der Meinung, die nicht die eigene ist.

Das Recht, recht zu haben ist also das Privileg derer, denen es entweder gelingt es sich zu erstreiten oder derer, die klug genug sind den Schein zu erwecken, mehr zu wissen und wichtiger zu sein als alle anderen und somit auch in der Rangordnung die Stelle dessen einzunehmen, der die so erreichte Macht ausüben darf, denn wer mächtig ist, dem ist auch das Recht gegeben die Regeln zu bestimmen, nach denen alle anderen im Rahmen diesen Rechts eingeschränkt werden, denken und handeln zu dürfen und somit bestimmen sie auch, was als richtig und was als falsch zu gelten hat.

Macht auszuüben ist darum das Instrument der Dominanz und somit gilt das Recht des Stärksten … oder desjenigen, dem es gelingt, die schlagkräftigeren Argumente zu haben, um sich das Recht auf die richtige Meinung erstreiten zu können.

Wer sich also auf die Mission begibt, jemandem die eigene Meinung als die allein richtige aufoktroyieren zu wollen und damit alle anderen rigoros für falsch erklärt, verlässt damit bereits den Weg der Wertschätzung und Achtsamkeit allen Mitgeschöpfen gegenüber und übt damit bereits die Macht des Dominanz aus, denn er versucht dem anderen das Recht zu nehmen, recht haben zu dürfen.

Was schon vermessen ist, denn wer kann wirklich von sich behaupten alles zu wissen und somit immer Recht haben zu können?

Schlimmer ist aber noch, dass jemand, der seine Meinung als allein Richtige einem anderen aufzwingt, damit die Verantwortung für jede Handlung übernehmen müsste, die aus dieser nach seinem Willen veränderten Denkweise des anderen erfolgt, denn jemandem zu sagen, was er tun muss, bedeutet dessen eigenen Willen zu beugen, um mit dem eigenen Willen dessen Handeln zu steuern, obwohl man die Folgen diesen Handelns im langfristigen Verlauf und der Konsequenzen, die sich daraus ergeben könnten nicht zu überblicken im Stande ist und nicht wissen kann, wohin der Weg führen wird, auf den man einen anderen schickte.

Aus dieser Erkenntnis heraus wäre es also noch vermessener, jemanden auf einen Weg lenken zu wollen, den ich als richtig empfinde, denn ob er wirklich richtig ist, werde ich nicht prüfen können und darum kann ich auch nicht die Verantwortung dafür übernehmen, jemanden vielleicht auf einen Irrweg zu führen, den ich ihm aus meiner Sichtweise meiner Wahrheit heraus empfahl.

Gewiss wird es Tierschutzaktivisten und Naturschützer geben, die empört argumentieren werden, dass meiner Meinung die Verantwortung entgegensteht, die ich als Mensch meinen Mitgeschöpfen und der Natur gegenüber habe, weil es an mir als demjenigen, der von Zerstörung, Leid und Qual weiß ist, all diejenigen, die sich nicht selbst wehren können, genau davor zu bewahren, wo, wie und wann immer es mir möglich ist, aber mich beunruhigt bei diesem Gedanken, dass es nie möglich sein wird, die Konsequenz einer Entscheidung, einer Handlung oder eines Eingreifens in ein Geschehen zu überblicken.

Natürlich steht eine positive Intention hinter dem Wunsch, Tieren eine Stimme zu leihen und für ihre Rechte einzutreten oder die Natur zu retten … beziehungsweise das, was davon noch übrig ist und doch könnte auch der Entscheid, eine zunächst einmal durch und durch positiv wirkende Handlung in die Wege zu leiten sich in ihrer Folge zu etwas Negativem entwickeln, ohne dass man das im Ursprung wollte, denn die Intention, die hinter einem Plan steckt, kann nur bis zu einem Punkt gesichert werden, nämlich dem, an dem sich die Folge ihrer Entwicklung unserer Kontrolle entzieht und wir den Stein, den wir anschubsten und ihn damit ins Rollen brachten nicht mehr zu lenken vermögen, weil er aus dem Bereich der Möglichkeit unserer direkten Führung entschwand, die seine Richtung sicherte.

Man spricht dann vom „Schmetterlingseffekt“, weil der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien, theoretisch einen Tornado in Texas auslösen könnte, auch wenn sein Handeln in keinem kausalen Zusammenhang mit dessen Auswirkung stehen muss – was bedeutet, dass sich aus einer Entscheidung die ich treffe und nach der ich handle im langfristigen Verlauf ihrer weiteren Entwicklung durchaus Konsequenzen entstehen können, die ich nicht vorausplanen konnte, weil ich auf ihre Richtung nur eine sehr kurze Zeit Einfluss nehmen kann, die aber trotz meiner positiven Ursprungsintention zu negativen Auswirkungen führen können und mit meiner ursprünglichen Intention nichts mehr zu tun haben müssen.

Rette ich also eine Katze, tötet die vielleicht kurz darauf einen Vogel, aber dafür wird die Raupe, die er von der Rinde eines Baumes gepickt und gefressen hätte überleben … doch vielleicht ist es die Raupe eines Eichenwicklers, welche die Blätter zerstört und so den Baum tötet, weil ihm mit kahlen Ästen keine Photosynthese mehr möglich ist.

In diesem Bewusstsein, dass jeder meiner Entscheide in ihrer Konsequenz nicht nur die Richtung beeinflusst, die mein Lebensweg nimmt, sondern auch Auswirkungen auf das Leben meiner Mitgeschöpfe nehmen wird, ohne dass ich das im Ursprung wollte oder plante, vermute ich, dass ich durch mein Eingreifen in ein für mich bereits im Ursprung unübersichtliches Geschehen keinen Schaden abwenden kann, ohne damit vielleicht an anderer Stelle einen viel größeren anzurichten.

Ich kann für mich darum nur bemüht sein, dass ich noch umsichtiger entscheide und handle, damit im Rahmen meiner mir möglichen Übersicht über die Konsequenz, keiner meiner Entscheide und Handlungen dazu führen könnte, dass ich im Streben nach meiner Wahrheit und meiner Freude andere in ihrer Richtung zu verändern versuche und ihnen damit vielleicht schade, obwohl ich ihnen helfen wollte, einen besseren Weg zu erkennen – verändern kann und darf ich also nur mich selbst und das auch nur in die Richtung, aus der heraus ich zu größerer Achtsamkeit gelange, damit mein Genuss nicht zum Leid eines Mitgeschöpfes führt.

Mein Fazit aus meinen Erkenntnissen ist es aber, dass es fast unmöglich ist, für das eigene Denken, Entscheiden und Handeln und die Konsequenzen daraus, die sich nicht immer vorausbestimmen lassen und manchmal in eine andere Richtung gelenkt werden, als man das im Ursprung plante, die Verantwortung übernehmen zu können und dass wir uns darum hüten sollten, andere vom ihrem Weg abbringen zu wollen, nur weil wir ihn für falsch halten, den wer weiß? Vielleicht ist es ja der Richtige, obwohl er nicht dem eigenen entspricht.

Natürlich werden nun Veganer und Frutarier gleichermaßen empört in die Offensive gehen, weil es ja wohl in seinen Augen nicht richtig sein kann, dass die Fleischesser für ihren Genuss am Essen achselzuckend den Tod, das Leid und die Ausbeutung von Tieren in Kauf nehmen, wobei ich das Pflänzchen Hoffnung hege, dass die Frutarier zumindest nicht von allem Menschen erwarten, dass sie Fallobst essen und somit über ein wenig mehr Toleranz verfügen (ich kann aber auch nur von mir sprechen), aber würden die meisten Veganer oder Frutarier sich nicht entsetzt und vehement zur Wehr setzen, wenn sie von einem Omnivoren gezwungen würden Fleisch zu essen, weil das seiner Meinung nach der einzig richtige Weg ist und ohne tierische Produkte zu leben in seinen Augen nur vollkommen falsch sein kann?

Es ist also egal was der Mensch entscheidet und wie er daraus handelt: in der Regel ist er eben überzeugt das Richtige zu tun und somit recht zu haben – der Fleischesser genauso, wie der Veganer und der Frutarier und so wird es keine Einigung geben können – zumindest nicht auf dem Weg des Vorwurfes und der Anklage, das Falsche zu tun, denn das führt zur prompten Gegenwehr der Opposition, die ja keinesfalls das Recht auf ihre – in ihren Augen – richtige Meinung verlieren will.

Fragen wir uns also, wie wir selbst den Weg fanden, den wir voller Überzeugung gehen, das Richtige zu tun, dann werden wir – wenn wir ehrlich sind – antworten müssen, dass wir den Entscheid trafen, weil in uns Gedanken zu einer Erkenntnis reiften und uns zu einer Veränderung führten.

Vielleicht wurden diese Gedanken angeregt durch Berichte über Tierleid und vielleicht gelang es uns irgendwann einfach nicht mehr, die Augen zu verschließen, weil es jemanden gab, der sie uns öffnete, indem er seine Wahrheit mit uns teilte, wobei ich bezweifle, dass diese Welle dann bis zu den Pflanzen schwappen wird.

Aber wir waren bereit sie als wahr und richtig anzunehmen und taten das freiwillig, ohne dass man uns dazu zwang.

Weil wir es zuließen, dass in uns das Bedürfnis geweckt wurde, uns zu verändern, richteten wir unseren freien Willen in eine neue Richtung und nicht, weil uns jemand drängte und lenkte und verlangte, dass wir uns seinem Willen beugen und uns ihm unterwerfen.

Nur was wir wirklich selbst in unserem Inneren wollen, ohne dabei nach außen gerichtete Ziele zu verfolgen, können wir aus der Kraft der Überzeugung und zur Bereicherung in unser Leben einbinden, damit wir es als besser und freudvoller empfinden.

Was wir hingegen akzeptieren, um jemand anderen einen Gefallen zu tun oder zu was wir uns zwingen lassen, weil wir glauben dem Druck nachzugeben zu müssen, weil wir ihm nicht mehr standhalten können, ohne daran zu zerbrechen oder was wir dulden aufoktroyiert zu bekommen, um den Weg des geringsten Widerstandes gehen zu dürfen, wird keine tiefe Zufriedenheit in uns verbreiten, sondern zu einer inneren Gegenwehr führen, mit der wir unseren Entscheid als Verzicht zu ertragen gezwungen fühlen, mit dem wir uns kasteien müssen oder als Opfer, das wir irgendjemandem schulden, der uns in die Richtung drängte, die wir nahmen.

Natürlich wünsche ich mir, dass die Anzahl der Menschen, die gedankenlos Fleisch, Milchprodukte und Eier essen und Produkte tierischen Ursprungs konsumieren und Pflanzen als Mitgeschöpfe ausschließen, immer geringer wird und wir vielleicht irgendwann nicht mehr langer vom „frutarian Wonderland“, einem Paradies, in dem keiner einem Mitgeschöpf nach dem Leben trachtet, weil er sein Fleisch oder seine Wurzeln essen möchte träumen, sondern es im Hier und Jetzt entstehen kann, nachdem sich das Bewusstsein der Menschen hin zur Achtsamkeit und zur Wertschätzung allen Lebens entwickelt hat, aber ich kann und darf nur für mein Leben entscheiden und für eben dieses Leben wünsche ich mir vor allem Frieden … und den schafft man nicht mit der Streitaxt und nicht, indem man gegen alle Vegetarier und Fleischesser und am liebsten auch noch gegen die Frutarier in den Krieg zieht.

Es mag ein abgedroschenes Sprichwort sein, wenn ich zitiere, was meine Mutter mir immer sagte, wenn ich meine kleinere Schwester zwang, nach meinem Willen zu handeln: „Was Du nicht willst, was man Dir tut, das füg auch keinem anderen zu“, aber tatsächlich wird das, was wir an Wertschätzung von anderen erhalten, davon bestimmt, wie wir sie behandeln … oder um ein zweites Sprichwort zu zitieren: „Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus“.

Wir können immer nur ernten, was wir zuvor säten und demzufolge sollten wir nichts von anderen verlangen, was diese nicht freiwillig zu tun bereit wären, wenn wir erwarten, dass auch uns niemand zwingt, gegen unseren Willen zu handeln.

Wenn Veganer also zu Recht erwarten, dass man ihnen Verständnis entgegenbringt, auch wenn sie für einen Omnivoren durchaus sehr anstrengende Gäste sein können und dass man Rücksicht auf ihren Veganismus nimmt und ihnen keinen Kuchen mit Eiern und Butter gebacken und keinen Kaffee mit aufgeschäumter Kuhmilch dekoriert anbietet, dann sollten sie sich ebenfalls im Verständnis für alle diejenigen üben, die sich (noch) nicht für diesen Weg entschieden haben oder bereits einen Schritt weiter gingen und lieber einen Apfel essen, als eine Möhre zu „töten“.

Dass wir alle, ob wir uns nun Vegetarier, Veganer oder Frutarier nennen, natürlich auch ein bisschen dabei hoffen, dass man unsere Intention vielleicht sogar positiv aufnimmt oder sie zumindest nicht kritisiert oder ablehnt, obwohl wir sicher anderen Menschen aufgrund unseres Verzichtes auf alle Produkte tierischen Ursprunges und aller Waren, die aufgrund dessen, dass ihre Herstellung Tierleid erforderte, unvegan sind, oder eben auch keine Wurzeln essen möchte, auch gerne mal unbequem erscheinen, wird man uns vermutlich dann auch verzeihen und uns mit dem Respekt und der Wertschätzung begegnen, wenn wir sie in unsere Achtsamkeit allen Mitgeschöpfen gegenüber einbeziehen.

Es ist also nicht nur an den anderen, unsere Lebensweise zu akzeptieren, sondern auch an uns, andere Lebensweisen zu akzeptieren, wenn wir Akzeptanz für unsere erwarten und auch eine andere Meinung respektieren zu können, als unsere eigene, die wir selbstverständlich trotzdem für die allein richtige halten werden.

Vor allem aber dürfen wir, und ich spreche von denjenigen, die keine tierischen Produkte konsumieren, weil ihre Tierliebe es ihnen verbietet und sie nicht schuld sein wollen am Leid, am Tod und an der Ausbeutung von Tieren, nicht vergessen, dass wir die Essensgewohnheiten der Menschen ablehnen, die nicht so leben wie wir, aber wir trotzdem die Tiere lieben, die sich omnivor oder carnivor ernähren.

So kompromissbereit zeigen wir uns unserer eigenen Art gegenüber selten.

Ich nehme mich da nicht aus, denn auch ich kann mir manchmal missbilligende Blicke auf die fleischbeladenen Teller anderer Leute nicht verkneifen, aber wenn eine Katze eine Maus tötet oder ein Vogel einen Wurm aus der Erde pickt, dann muss ich das akzeptieren, weil es ihrer Art entspricht, sich eben omnivor oder carnivor zu ernähren und sie verändern zu wollen, fiele mir auch bestimmt nicht ein.

Nicht zuletzt aus diesem Grund lehnen viele Veganer oder Frutarier die Tierhaltung ab, denn es entspricht schon einer Form der Doppelmoral, selbst keine tierischen Produkte zu konsumieren, um mit reinem Gewissen sagen zu können: „Für mich muss kein Tier sterben!“ und für die Hunde und Katzen dann Fleisch zu kaufen und somit die Schlachtung von „Nutztieren“ zu unterstützen.

Ich befinde mich darum tagtäglich in einem Dilemma, weil ich weder die Hunde noch die Katzen konsequent frugan ernähren kann oder möchte – schließlich respektiere ich ihren Willen nach einer omnivoren Ernährung auch, wenn er nicht meiner Lebensweise entspricht, weil ihr Körper nach einer Nahrung verlangt, die Fleisch beinhaltet, um gesund zu bleiben -, aber es kostet mich Überwindung, es zu tun.

Genauso wie ich mich in einen Gewissenskonflikt stürze, um für unsere Tochter Fischstäbchen, Burger oder Milchprodukte in den Kühlschrank zu legen, aber ich kann ihr nicht die Freude am Essen vergällen, indem ich mein deutliches Missfallen daran deutlich zur Schau trage, denn ich kann mich nicht zur Legislative erheben und damit bestimmen, was in der Familie zu essen erlaubt ist, denn den Entscheid, frugan zu leben traf ich nur für mich und für niemanden sonst.

Ich bin es darum sowohl den Tieren, als auch meiner Familie und allen Omnivoren oder Vegetariern schuldig, sie so zu akzeptieren und annehmen zu können, wie sie sind und meine Liebe oder Wertschätzung zu ihnen nicht davon abhängig zu machen, ob sie ihre Essgewohnheiten bereit sind, für mich und meine Überzeugung zu ändern.